„Großer Entwässerungsgraben“
VON ROUVEN GROSS
Ökonomisch unsinnig, ökologisch verheerend? Experten warnen vor dem Ausbau der Reststrecke der Elbe zwischen Dömitz und Hitzacker
Hitzacker. Ein natürlicher Fluss ist die Elbe längst nicht mehr. Sein Oberlauf in Tschechien mehrfach aufgestaut, der Mittellauf seines ehemals kilometerbreiten Bettes beraubt, der Unterlauf ausgebaggert, zur Fahrrinne für Ozeanriesen verkommen, hat der Fluss nichts mehr mit jener Elbe zu tun, wie sie sich noch Ende des 19. Jahrhunderts zeigte. Dennoch gilt die Elbe als „naturnah“, Schutzgebiete säumen ihre Ufer, sie und der Fluss selbst sind Lebensraum für unzählige Tiere und Pflanzen – und immer noch atemberaubend schön. Die Elbe ist aber auch eine Bundeswasserstraße, und als solche soll ihr wieder mehr Bedeutung zukommen: für den Transport von Gütern. Dafür allerdings müsste, heißt es von offizieller Seite, die Elbe zwischen Dömitz und Hitzacker ausgebaut werden. Doch das, sagen Experten, könnte verheerende ökologische Folgen haben. Und es sei ökonomischer Unsinn.

Bild: Nur wenige Schiffe sind auf der Lüchow-Dannenberger Elbe unterwegs. Der Ausbau des Flusses soll das ändern – aber dafür bestehe gar kein Bedarf, sagen Gegner der Ausbaupläne. Aufn.: R. Groß
Erosion befürchtet
Einer der lautesten Kritiker ist Dr. Erich Bäuerle. Der Lüchow-Dannenberger
Diplom-Ozeanograf beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Elbe und warnt vor
einer ökologischen Katastrophe, die der Ausbau der sogenannten Elbe-Reststrecke
zwischen Dömitz und Hitzacker nach sich ziehen könnte. „Reststrecke“, weil
dieser rund 13 Kilometer lange Teil der Elbe als Einziger noch nicht im Hinblick
auf die Schiffbarkeit optimiert wurde: Die Nationalsozialisten hatten mit dem
Ausbau der Elbe begonnen, der Kriegsverlauf beendete die Arbeiten vorzeitig, und
in der Zeit der deutsch-deutschen Teilung nahm man sie nicht wieder auf.
„Glücklicherweise“, sagt Bäuerle, denn was der Ausbau für verheerende
Auswirkungen haben kann, lasse sich flussaufwärts beobachten. Dort liegt
zwischen Mühlberg und der Saalemündung die sogenannte Erosionsstrecke der Elbe:
ein 170 Kilometer langer Abschnitt, in dem sich die Elbe immer tiefer in ihr
eingeengtes Bett frisst, jedes Jahr Zigtausende Tonnen Sediment abträgt,
unaufhaltsam, seit Jahrzehnten. Und genau das, sagt Dr. Erich Bäuerle, könnte
auch der Lüchow-Dannenberger Elbe drohen.
„Stabil, aber hochdynamisch“
Aktuell sei der Mittellauf der Elbe „ein stabiles System. Hochdynamisch, aber stabil“, sagt Bäuerle. Dynamisch wegen der Sandbänke, die flussabwärts wandern, aber auch wegen der extremen Hoch- und Niedrigwasser. Es sei „illusorisch zu glauben, dass man diesen Fluss zähmen, sich zu Willen machen kann. Das ist Hybris“, meint der Wissenschaftler. Sollte man dies versuchen, und sollte sich die Elbe auch hier tiefer in ihr Flussbett graben, wären die Folgen verheerend. „Viele Kilometer landeinwärts hängt der Grundwasserspiegel hier von der Elbe ab. Fällt deren Pegel, fallen die Grundwasserstände, mit schlimmen Auswirkungen auf die Natur, aber auch auf die Landwirtschaft“, betont der Wissenschaftler: Es käme nicht nur kein Wasser mehr aus der Elbe in die Landschaft, das tiefer liegende Flussbett würde „wie ein großer Entwässerungsgraben wirken und Wasser aus der Landschaft abziehen“, meint auch die BUND-Elbe-Expertin Iris Brunar. Betroffen davon wären auch die ökologisch wertvollen Hartholzauen an der Elbe, die es so in Deutschland fast nur noch hier gebe.
„Gesamtkonzept Elbe“ will Ausbau und Schutz
Hintergrund der Befürchtungen und Warnungen ist das sogenannte Gesamtkonzept Elbe, ein 2017 von zehn Bundesländern und zwei Bundesministerien verabschiedetes Konzept zur weiteren verkehrlichen Nutzung der Elbe als Bundeswasserstraße bei zeitgleichem Erhalt des Flusses als Naturraum. In dem Konzept findet sich, genau wie im Bundesverkehrswegeplan, vereinfacht gesagt der Ausbau der Elbe-Reststrecke auf eine Fahrrinnentiefe von 1,40 Metern. Damit soll es auch größeren Binnenfrachtschiffen ermöglicht werden, Güter vom Hamburger Hafen stromaufwärts zu bringen, zu Häfen, wo sie dann entweder weiter auf Bahn oder Lkw verteilt oder verarbeitet werden, etwa Erdöl, das im Saalekreis raffiniert wird. Das sei nötig, um den Hamburger Hafen und seine Hinterlandanbindungen zu entlasten, sagt die Wirtschaft. Die geht von einem weiteren Wachstum des Containerumschlags in Hamburg aus. Und es soll schließlich Fracht von der Straße auf Schiene und Binnenschiff verlagert werden – wegen des Klimaschutzes, so die Argumentation.
Hunderte Millionen allein für Unterhaltung
Diese Argumente wollen die Gegner des Ausbaus so nicht zulassen. Es gebe aufgrund der nahezu ständig stark zwischen Hoch- und Niedrigwasser pendelnden Wasserstände seit 2018 so gut wie keinen Frachtverkehr mehr auf der Elbe: Die Binnenschiffe würden die verlässlich Wasser führenden Kanäle wie Elbeseitenkanal, Mittellandkanal oder Elbe-Havel-Kanal nutzen, wirtschaftlich gebe es keine vernünftigen Gründe für einen Ausbau der „Reststrecke“. Zumal es auch Prognosen gebe, dass der Hamburger Hafen als Güterumschlagplatz an Bedeutung verlieren wird, weil die immer größer werdenden Containerschiffe mit ihrem großen Tiefgang Hamburg gar nicht mehr anlaufen könnten. „Es gibt Experten, die sagen, dass es für Hamburg schon ein Erfolg wäre, wenn man den derzeitigen Rückgang der Frachtumsätze halten kann“, sagt Dr. Erich Bäuerle. Trotz allem, trotz des kaum noch vorhandenen Frachtverkehrs auf der Mittelelbe, seien dort in den zurückliegenden zehn Jahren 430 Millionen Euro in die Unterhaltung des Flusses als Bundeswasserstraße geflossen. Ohne dass nennenswerte Umsätze an den dortigen Elbe-Häfen gemacht worden seien.
Ehmke: Mit Argumenten dagegenhalten
Ein Ausbau sei daher nicht vertretbar, resümiert Bäuerle. Was aber nicht
heiße, dass das Vorhaben nicht dennoch in die Tat umgesetzt werde. Weil
Infrastrukturprojekte in Deutschland einen hohen Stellenwert genießen und weil
der Hamburger Hafen „Gewicht hat, das ist ein Pfund“. Daher organisiert sich in
Hitzacker derzeit auch Widerstand. Mitinitiiert von der Bürgerinitiative
Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI). „Wie schon bei den Atomprojekten in
Gorleben werden wir mit Argumenten dagegenhalten, werden uns einmischen“,
kündigt BI-Sprecher Wolfgang Ehmke an. Den Auftakt zu dem Protest machte jetzt
eine Infoveranstaltung zu dem Thema in der Alten Sargtischlerei in Hitzacker, zu
der rund 50 Interessierte kamen. Darunter auch Befürworter eines Elbausbaus.
Oder zumindest einer Verbesserung der derzeitigen Fahrrinnensituation: Die
wandernden Sandbänke behindern nämlich auch die touristische Nutzung der Elbe,
etwa indem sie Sportboothäfen unerreichbar machen. Oder die Wasserstände, die im
Sommer zuletzt sogar das Befahren der Mittelelbe mit kleinen Sportbooten
unmöglich machten. Daran, sagen die Experten, würde aber auch eine ausgebaggerte
Fahrrinne nichts ändern: „Dadurch führt die Elbe ja auch nicht mehr Wasser. Da
kann man noch so tief graben“, sagt Erich Bäuerle. Und die Gegner des Ausbaus
hoffen, dass seine Worte Gehör finden bei den Entscheidern in den zuständigen
Ministerien, dem Bundes- und den Landesparlamenten.