Brennpunkt Beregnung
Seit Jahren steht die Landwirtschaft mit ihrem Wassereinsatz in der Kritik. Aber ist der Vorwurf berechtigt?

Jeder Tropfen kostet
VON ROUVEN GROSS
Seit den Dürrejahren 2018 bis 2022 steht die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen im Fokus – und in der Kritik. Zu Unrecht, sagen Landwirte – und fordern Vertrauen ein
Zernien. Lange hatten sie darauf gewartet. Es hat geregnet in den vergangenen Tagen, endlich. „Nach dem schnee- und damit niederschlagsreichen Winter war es schon wieder zu lange trocken geblieben. Das macht uns Sorgen“, sagt Dietmar Krüger. Er ist Landwirt und Vorsitzender des Beregnungsverbands Zernien, einem Zusammenschluss von Ackerbauern, der für die Landwirte einen Teil der Bürokratie übernimmt, die mit dem Beregnen landwirtschaftlicher Flächen einhergeht. Und Beregnen, sagt Krüger, müssten alle Landwirte. Selbst in Jahren, in denen gefühlt genug Niederschlag fällt. Denn zum einen täusche eben dieses Gefühl häufig und es regnet tatsächlich gar nicht so viel, zum anderen komme der Regen häufig nicht dann, wenn er gebraucht wird – beides eine Folge des Klimawandels. Und dann versickert der Regen, der fällt, allzu oft in den leichten Lüchow-Dannenberger Böden viel zu schnell. Daher sieht man in Lüchow-Dannenberg zunehmend schon ab dem Frühjahr Beregnungsanlagen auf den Feldern. Für die Landwirte bedeutet das hohe Kosten und viel zusätzliche Arbeit. Und es bedeutet Stress. Denn die Beregnung ist seit Jahren Ziel scharfer Kritik.
Seit 1977 in elf Jahren mehr Wasser verregnet als zulässig
Hintergrund ist das teilweise dramatische Absinken der Grundwasserstände in den Dürrejahren. Dafür machten Kritiker auch die Grundwasserentnahme für die Landwirtschaft, nämlich für die Beregnung, verantwortlich. Dass ein Teil des Absinkens möglicherweise Folge erhöhter Wasserentnahmemengen war, bestreitet auch niemand. „Es ist ja vollkommen logisch, dass die erhöhte Entnahmemenge kurzfristig Einfluss auf die Pegelstände hatte“, sagt Dietmar Krüger. So sei etwa in seinem Beregnungsverband Zernien im Dürrejahr 2018 fast doppelt so viel Wasser verregnet worden wie zulässig.

Bild: Felder zu beregnen, ist teuer und aufwendig. Landwirte sehen sich zudem der Kritik ausgesetzt, mit der Beregnung für das Absinken der Grundwasserpegel verantwortlich zu sein. Diese pauschale Kritik weisen sie jedoch zurück. Foto: R. Groß
2,214 Millionen Kubikmeter gesteht der Landkreis als zuständige Wasserbehörde dem Beregnungsverband jährlich zu. Diese Menge, meint die Behörde, könne dem Grundwasserkörper dort entnommen werden, ohne dass das irreversible Auswirkungen habe. In den fünf Dürrejahren lag man in Zernien zweimal deutlich darüber, 2018 und 2022 nur minimal – und 2021 sogar darunter. So geht es aus den Aufzeichnungen des Verbandes hervor.
Seit 1977 sei jedoch lediglich elf Mal mehr als die 2,214 Millionen Kubikmeter verregnet worden. In den allermeisten Jahren lag die Entnahmemenge aufgrund der dann günstigeren Witterungsbedingungen jedoch zum Teil sogar deutlich unter der zulässigen jährlichen Entnahmemenge.
Gutachten über Zusammenhang in Arbeit
Aber der Einfluss der Wasserentnahme für Beregnung auf den Grundwasserkörper sei ohnehin fast zu vernachlässigen, sind die Landwirte im Beregnungsverband überzeugt. Beim Dachverband, dem Kreisverband der Wasser- und Bodenverbände (WaBo), sieht man das etwas differenzierter. In den Auswirkungen gebe es von Region zu Region schon Unterschiede. Man ist sich aber sicher, dass „es dem Grundwasserkörper viel stärker zu schaffen macht, dass es keinen oder eben nur sehr wenig Niederschlag gab, es also nicht zur Grundwasserneubildung kam“, sagt Timo Burmester, stellvertretender WaBo-Geschäftsführer und dort zuständig für das Thema Beregnung. Und in dem Bereich zwischen der Elbe und der Jeetzel hänge der Grundwasserstand fast ausschließlich vom Wasserstand der Elbe ab – dort habe die landwirtschaftliche Wasserentnahme so gut wie gar keinen Einfluss. Derzeit sei ein Gutachten in Arbeit, dass „sehr wahrscheinlich genau das belegen“ werde.
„Das wissen wir, weil wir ja die Daten haben. Wir pegeln die Grundwasserstände seit Jahrzehnten“, so Burmester. „Natürlich: Wasser ist neben dem Boden die wichtigste Ressource der Landwirtschaft. Es ist doch in unserem ureigenen Interesse, diese Ressource nachhaltig zu bewirtschaften“, ergänzt Dietmar Krüger. Mehrere Millionen Euro müssen die Beregnungsverbände in Lüchow-Dannenberg für die Erstellung des hydrogeologischen Gutachtens ausgeben, 240.000 Euro allein der Beregnungsverband Zernien. Dieses Gutachten soll dann die Grundlage sein für die nötigen wasserrechtlichen Genehmigungen, die die Landwirte brauchen, um ihre Felder weiter beregnen zu dürfen.
In wassersparende Techniken investiert
Und das sei nach wie vor nötig, auch in Nicht-Dürre-Jahren, betont Dietmar Krüger. „Niemand beregnet mehr, als er muss. Dafür ist das viel zu teuer, macht viel zu viel Arbeit. Jeder Kubikmeter Wasser, den wir auf die Felder bringen, kostet uns Geld“, erläutert der Landwirt. Doch ohne Beregnung wäre eine auskömmliche Landwirtschaft gerade in Lüchow-Dannenberg mit seinen häufig sehr humusarmen und dadurch wenig Wasser speichernden leichten Böden nicht möglich. Nicht mehr, der Klimawandel habe auch hier alles verschoben und verstärkt, wissen die Landwirte. Umso wichtiger sei es, dass in Sachen Beregnung weiter an Verbesserungen, an Innovationen gearbeitet werde. An noch zielgenaueren Bewässerungssystemen, an noch besserer Datenerfassung. Aber auch daran, den Landwirten das Bewässern weiter zu ermöglichen. Dafür, haben viele Landwirte den Eindruck, würden immer höhere Hürden aufgebaut.
So sei jetzt etwa schon für Erkundungsbohrungen und schon länger auch für Ersatzbohrungen defekter Beregnungsbrunnen eine wasserrechtliche Erlaubnis nötig. Solche Genehmigungen aber würden vom Landkreis schon seit mehreren Jahren nur mit erheblichen Verzögerungen bearbeitet geschweige denn erteilt, so die Kritik der Beregnungsverbände.
Und das, obwohl man in der jüngeren Vergangenheit bereits in wassersparende Techniken investiert und mehr getan habe, als der Gesetzgeber verlange. So sei beispielsweise ein kreisweites Netz aus Wetterstationen aufgebaut worden, das in diesem Jahr noch erweitert und dann voraussichtlich 23 Wetterstationen umfassen werde, ausgestattet auch mit Bodensonden, die die Bodenfeuchte ermitteln. Diese Daten können die Landwirte über eine App in Echtzeit abrufen und so entscheiden, wann und wie viel Wasser auf eine bestimmte Kultur aufgebracht werden muss.
Forderung: Mehr Wasser in der Fläche halten
Noch ein anderer Ruf wird aus der Landwirtschaft beim Thema Bewässerung laut: Danach, künftig noch effektiver noch mehr Wasser in der Fläche zu halten. Die hiesigen Beregnungsverbände verregneten 2025 rund 12 Millionen Kubikmeter Wasser, „fast 200 Millionen Kubikmeter Wasser fließen jedoch jedes Jahr allein über die Jeetzel aus Lüchow-Dannenberg ab in die Elbe und in die Nordsee. Wasser, das hier verloren geht“, sagt Dietmar Krüger. Wenn auch nur ein Bruchteil davon länger in der Fläche gehalten werden könnte, und so den Pflanzen zur Verfügung stünde, oder wenn man Teile des abfließenden Wassers speichern und dann, wenn es gebraucht wird, verregnen könnte wären viele Probleme gelöst. Letzteres allerdings wäre nur mit enormen Investitionen zu erreichen. Und man bräuchte Platz für Speicherbecken. Im Landkreis Uelzen gibt es solche Projekte bereits. Bei Stöcken, dort hält ein 14 Hektar großes Speicherbecken 650.000 Kubikmeter Wasser zur Verregnung während der Vegetationsperiode bereit. Wasser, das nicht aus Flüssen stammt, sondern aus der Uelzener Zuckerfabrik.
PRO UND CONTRA
Trägt Landwirtschaft dazu bei, dass Grundwasserpegel sinken?
| Kritiker sagen:
Ja. In Trockenperioden, die durch den Klimawandel zunehmen, steigt der Bedarf an künstlicher Bewässerung in der Landwirtschaft an. Diese Entnahmen erfolgen oft aus dem Grundwasser. Studien zeigen, dass in vielen Teilen Deutschlands – insbesondere im Osten und Norden – insgesamt von allen Verbrauchern zusammen mehr Grundwasser entnommen wird, als durch Niederschläge neu gebildet werden kann. Wissenschaftler nennen das „Wasserstress“. Die Landwirtschaft trägt zu diesem Wasserstress bei. Kritiker monieren zudem den Anbau von Pflanzen mit hohem Wasserbedarf in Regionen mit geringen Niederschlägen. Etwa Mais und Kartoffeln. Das erhöhe den Entnahmedruck auf die Grundwasservorräte. Und der Einsatz schwerer Maschinen verdichte den Boden, was dessen Fähigkeit vermindert, Regenwasser aufzunehmen und in tiefere Schichten zur Grundwasserbildung durchsickern zu lassen. |
Fakt ist aber auch:
Hauptursache für sinkende Grundwasserpegel ist der Klimawandel. Studien zeigen, dass der Wasserverlust in Deutschland maßgeblich durch zu wenig Niederschlag in Kombination mit hoher Verdunstung aufgrund steigender Temperaturen bedingt ist. Viele Grundwasserabsenkungen sind zudem das Resultat historischer Maßnahmen, wie etwa der Trockenlegung von Mooren und Feuchtgebieten oder des Baus umfassender Drainagesysteme. Die fortschreitende Versiegelung von Böden durch Siedlungs- und Verkehrsbau verhindert außerdem, dass Regenwasser im Boden versickern und sich so Grundwasser neu bilden kann Das Wasser fließt stattdessen direkt in die Kanalisationen ab – anders als unter landwirtschaftlichen Flächen, denn dort findet im Normalfall Grundwasserneubildung statt. Diese Grundwasserneubildung erfolgt zudem hauptsächlich im Winterhalbjahr – wenn in dieser Zeit ausreichend Niederschlag fällt, können Defizite des Sommers teilweise ausgeglichen werden, was jedoch durch den Klimawandel seltener wird. |
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Fazit: Sinkende Grundwasserpegel sind in der Regel ein Zusammenspiel aus Klimawandel, historischer Landschaftsveränderung und der verstärkten Nutzung durch verschiedene Sektoren wie Landwirtschaft, Industrie und Haushalte. 200
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