Es droht historisches Niedrigwasser
VON ROUVEN GROSS
Weil es schon wieder monatelang nicht ausreichend Niederschläge gab, nähert sich der Pegel der Elbe seinem Rekordtiefststand von 2018 – dabei hat der Hochsommer gerade erst angefangen
Hitzacker. Es fehlen nur noch wenige Zentimeter: Der Pegel der Elbe sinkt immer tiefer, bereits vor einigen Tagen rutschte er unter den Wert des vergangenen Jahres ab – und für die kommenden Tage ist ein weiteres Absinken angekündigt. Daran ändert auch der teilweise sintflutartige Regen vom Montagabend nichts. Dabei ist zwar noch unklar, ob die Tiefstwerte des Jahres 2018 erreicht werden, als der Elbpegel auf seinen bisherigen absoluten Tiefststand absank, damals allerdings auch erst Anfang September, also gegen Ende des Hochsommers. Doch schon jetzt sind die Folgen des Wassermangels überall zu sehen. Auch fernab der Elbe im Lüchow-Dannenberger Binnenland.
Nur noch die „Westprignitz“ fährt
So haben fast alle Fähren in Lüchow-Dannenberg den Betrieb aufgrund des Niedrigwassers eingestellt. Neu Darchaus „Tanja“ schon vor Wochen, ebenso die Personen- und Fahrradfähre in Hitzacker, und die Schnackenburger Fähre „Ilka“ fuhr schon vor dem Niedrigwasser nicht. Einzig die „Westprignitz“ fährt aktuell – Stand Dienstagabend – noch über den Fluss. Frachtschiffe und Tanker können die Mittelelbe aktuell gar nicht befahren. Einzelne Ausflugsschiffe allerdings schon: Die „Elise“ der Reederei Heckert fährt ihre Touren ab Damnatz bis Dömitz und zurück, die „Hecht“ von Dömitz aus. „Stand jetzt, wer weiß, was noch kommt“, sagt Kapitän und Reeder Andreas Heckert. Derzeit habe man noch einige Zentimeter Reserve, danach „wird es eng, vor allem unter der Dömitzer Brücke“, so Heckert, weil dort große Steine im Flussbett liegen.

Bild: Vielerorts ragen Sandbänke aus der Elbe, wie bei Kaltenhof. Foto: R. Groß
Doch das Niedrigwasser der Elbe macht sich auch im Binnenland bemerkbar. So
hängen die Grundwasserkörper „Zehrengraben“ und „Jeetzel Lockergestein rechts“
stark vom Wasserstand der Elbe ab. Sollten sie aufgrund des Wassermangels im
Fluss drastisch absinken, wie in den Jahren zwischen 2018 und 2022, könnte der
Landkreis als zuständige Wasserbehörde die Wassernutzung weiter einschränken.
Damals untersagte die Kreisverwaltung per Allgemeinverfügung tagsüber und bei
stärkerem Wind sowie höheren Temperaturen das Beregnen von landwirtschaftlichen
Flächen und auch von privaten Gärten und Sportanlagen. Eine solche
Allgemeinverfügung gilt in Lüchow-Dannenberg in diesem Jahr bereits seit Anfang
Juli. Denkbar ist, dass bei einem weiteren Absinken der Grundwasserpegel weitere
Einschränkungen folgen könnten.
Weiteres Absinken prognostiziert
Aktuell liegt der Elbpegel bei der für den Lüchow-Dannenberger Abschnitt maßgeblichen Messstation in Neu Darchau bei 71 Zentimetern. Die zuständigen Behörden, in diesem Fall die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, prognostizieren aber ein Absinken auf 66 Zentimeter in den kommenden Tagen. Das wären dann nur drei Zentimeter mehr als im Negativrekordjahr 2018. Und es ist keineswegs sicher, dass der Pegel nicht noch weiter fällt, denn Regen fiel im Einzugsgebiet der Elbe zuletzt nicht in ausreichendem Maße, um die Niedrigwassersituation zu entspannen.
Und selbst wenn es regnen sollte: Die aktuelle Situation ist das Resultat mehrerer für die Elbe negativer Entwicklungen. So fiel etwa im Winter in weiten Teilen ihres Einzuggebiets weniger Schnee als gewöhnlich, sodass die Schneeschmelze etwa im Riesengebirge im Frühling bereits zu wenig Wasser für die Elbe brachte. Darauf folgten dann ein zu trockenes Frühjahr und ein ebenfalls zu trockener Frühsommer mit ersten Hitzewellen, denen dann im Juni und jetzt im Juli weitere folgten. Und das alles traf auf eh schon durch mehrere Dürreperioden in nur wenigen Jahren angegriffene Grundwasserkörper.
Es ist bereits die sechste außergewöhnliche Niedrigwasserphase der Elbe in den vergangenen neun Jahren. Laut Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes wies die Elbe in den Jahren 2018, 2019, 2020, 2022, 2025 und in diesem Jahr zumindest stellenweise extrem niedrige Pegelstände auf. Den niedrigsten 2019 mit 61 Zentimetern am Pegel Neu Darchau. Dieser kam jedoch aufgrund veränderter Rahmenbedingungen für die Messungen zustande, daher gilt der Pegel von 63 Zentimetern in Neu Darchau im Jahr 2018 weiterhin als der niedrigste seit Aufzeichnungsbeginn. Normal ist dort ein Niedrigwasser von 91 bis 108 Zentimetern, der mittlere Wasserstand liegt dort bei 2,42 Metern.
Nie so wenig Wasser wie 1904
Den geringsten jemals an der Elbe gemessenen Wasserdurchfluss wies der Fluss
allerdings vor mehr als 120 Jahren auf: Im Jahr 1904 registrierten die Behörden
einen Durchfluss am Pegel Neu Darchau von nur 125 Kubikmetern in der Sekunde –
beim Rekordniedrigwasser 2018 waren es dort 163 Kubikmeter pro Sekunde. 1904
hatte eine ähnliche Situation wie in diesem Jahr die Elbe beinahe austrocknen
lassen. Damals wurden erstmals die sogenannten Hungersteine wieder sichtbar,
Felsbrocken im Flussbett bei Dresden, in die Menschen die Jahreszahlen extremer
Dürrejahre eingemeißelt hatten, die die Elbe ebenfalls beinahe hätten
austrocknen lassen. Etwa 1630, 1790 oder 1858. Die Folge waren jeweils
Missernten und Hungersnöte.
Allerdings lässt sich die Situation damals nicht mit der heutigen vergleichen:
Damals gab es zum einen die Talsperren noch nicht, mit denen heute in Tschechien
der Wasserstand der Elbe zumindest teilweise reguliert werden kann, indem dort
bei großen Niederschlägen Wasser zurückgehalten und bei Niederschlagsarmut
Wasser abgegeben wird. Zum anderen war die Elbe damals noch weitgehend
unreguliert, sprich: weniger kanalisiert, hatte mehr Auen, das Wasser verteilte
sich auf ein breiteres Flussbett.
Doch auch in der jüngeren Vergangenheit, im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts, gab es immer wieder gravierende Dürrejahre, bei denen die Durchflussraten am Pegel Neu Darchau bedrohlich absackten. Die größten Dürrejahre nach 1904 waren 1911, als nur wenige Jahre nach der großen Dürre das Wetter erneut zuschlug und im extrem heißen Spätsommer die Elbe fast auf das Niveau von 1904 sank. Der berüchtigte „Hungersommer“ 1947 brachte eine europaweite Megadürre, die in Deutschland und weiten Teilen Europas auf eine bereits durch einen vorangegangenen Hungerwinter geschwächte Bevölkerung traf, und vielerorts auf im Krieg vollkommen zerstörte Infrastruktur – eine massive Versorgungskrise war die Folge. Historiker schätzen, dass europaweit bis zu drei Millionen Menschen im Winter starben. Und nur massive US-amerikanische Hilfslieferungen sorgten dafür, dass sich dieses Massensterben im Winter 1947/48 nicht wiederholte.
Einen Sonderfall stellt das Niedrigwasser der Elbe in den Jahren 1953 und 1954 dar: Dort war es kein heißer Sommer, sondern ein extrem trockener Herbst 1953 gefolgt von einer strengen Frostperiode, wass die Elbe nahezu versanden ließ. Denn das Wasser fror in den Mittelgebirgen als Schnee fest und der Abfluss brach im Januar 1954 massiv ein.
Nach den 1960er-Jahren beruhigte sich die Lage durch die Talsperrensteuerung spürbar – bis im Zuge des Klimawandels die großflächigen, jahrelangen Dürreperioden begannen – mit den extremen Dürren der Jahre 2003, 2015, 2018, 2019 und 2022. Diese Jahre ließen mit teils monatelangem Regenmangel erstmals das Wassermanagement durch die tschechischen Talsperren an ihre Grenzen stoßen.
PROBLEME MIT DER FÄHRE IN NEU DARCHAU„Tanja“ muss in die WerftBereits vor mehr als zwei Wochen hatte die Fähre „Tanja“ in Neu Darchau den Betrieb eingestellt. Offiziell wegen Niedrigwasser, doch offenbar gibt es noch weitere Probleme: Wie die Betriebsleitung jetzt mitteilt ist auch der Antrieb der Fähre defekt und verliert Öl. Das Schiff müsste eigentlich in der Werft in Lauenburg instandgesetzt werden. Doch das ist aufgrund des Niedrigwassers nicht möglich. Jetzt sollen Alternativen zu einem Werftaufenthalt geprüft werden, damit die Fähre wieder einsatzbereit ist, sobald der Pegel der Elbe wieder steigt. Das ist allerdings weiterhin nicht in Sicht. Die Fähre sei vor einiger Zeit bei einem Gewittersturm am Anlieger liegend samt Rampenwagen zur Seite in den Sand gedrückt worden, schildert Betriebsleiter Andreas Dau. Dabei sei der Antrieb undicht geworden. Weil der Pegelstand der Elbe fiel, stellte die Fähre den Betrieb ein. Der Plan sei gewesen, mit dem Ersatzantrieb nach Lauenburg in die Werft zu fahren, sobald der Wasserstand der Elbe das zugelassen hätte, erklärt Dau. Doch statt wie angekündigt zu steigen, sank der Pegel weiter ab. Eine Fahrt nach Lauenburg sei daher unmöglich. Nun werde geprüft, ob die Fähre möglicherweise vor Ort in Neu Darchau von Fachfirmen so weit aus dem Wasser gehoben werden kann, dass man sie vor Ort reparieren kann. Ob das funktioniert und was es kostet, könne man derzeit aber noch nicht sagen, so Dau. Mit der derzeit in Planung befindlichen neuen Fähre wäre ein Betrieb noch bei deutlich niedrigeren Pegelständen möglich, betont Andreas Dau. Die neue „Tanja III“ könne auch bei einem Pegelstand von 50 Zentimetern noch fahren. Außerdem könnten die meisten Arbeiten an der Fähre in Neu Darchau erledigt werden. Dadurch soll es künftig deutlich weniger und vor allem kürzere Ausfallzeiten geben. Diese häufigen und teils monatelangen Ausfallzeiten sind eines der Hauptargumente der Befürworter eines Elbbrückenbaus bei Neu Darchau.
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